schwules Paar

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ABSEITS DER BINÄREN GESCHLECHTERROLLEN

Viele haben ein völlig falsches Bild von nicht-binären Menschen. Alexander Hölzl will mit seiner Geschichte dazu beitrage um aufzuklären und dabei die Person dahinter zu entdecken.

Gerade in Krisen wie dieser wird die Aggression und der Hass gegen Randgruppen und Verweigerer der konservativen, binären Geschlechterwelt größer. Ich erlebe das, als nicht-binär lebender Mensch, der nicht trans ist und dennoch ein „F“ im Pass, natürliche Rundungen und einen weiblichen Hormonspiegel, ohne Hormontherapien oder Operationen hat, leider täglich. Neben Angriffen auf den Social Networks sind Konsequenzen im Berufs- und Privatleben sowie Morddrohungen leider allgegenwärtig.


Wie redet man Dich denn eigentlich korrekt an (Herr, Frau, ...)?


Ich kann es nicht erzwingen, ob ich als Frau oder als Mann gelesen werde.Diese Fremdwahrnehmung beruht auf mehreren Faktoren wie Körperform, Körpersprache und Stimme. Deswegen ist mir die Anrede nicht so wichtig, und wenn in meinem Pass ein „F“ steht und ich vor dem Gesetz eine Frau bin. Aber Alex, die Kurzform von Alexander, ist ja ohnehin unisexuell. Da ich mir selbst die Freiheit nehme, mein „ich“ frei von Gender-Stereotypen zu leben, so gestehe ich auch jedem Menschen das Recht zu, mich so anzusprechen, wie er mich sieht bzw. empfindet.


Wie fühlt sich das an, eine nichtbinäre Geschlechtsidentität zu haben? Fühlst Du Dich manchmal mehr als Mann, manchmal mehr als Frau - oder ist es ganz anders?


Ich wechsle nicht zwischen den Geschlechtern – fühle mich nicht manchmal mehr so, oder mehr so. Ich bin einfach ich, eine weibliche Seele, die in einem männlichen Körper zur Welt kam und der man, durch Erziehung, Kindergarten, Schule und Pubertät eine Rolle aufzwingen wollte, die ich dauerhaft nicht erfüllen konnte. Warum ich mich dann als nichtbinär bezeichne? Weil ich eine Realistin bin und die männliche Pubertät nicht ungeschehen gemacht werden kann. Sie ist ein Teil von mir. Die jahrelange gesellschaftliche und kulturelle Indoktrinierung des „Mannseins“ hinterlässt Spuren, die sich tief in die eigene Identität eingebrannt haben.


Für mich ist das Geschlecht eine Symbiose aus Körper und Geist. Auch, wenn ich mich als weibliches Wesen identifiziere, so bin ich keine Frau. Ich kann keine Periode bekommen, nicht schwanger werden und keinen weiblichen Orgasmus empfinden. Das würde auch eine Gesichtsfeminisierung, Stimmband-Straffung, Brustvergrößerung oder operative Geschlechtsangleichung nicht ändern.


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Wann und wie hast Du das für Dich festgestellt?


Ich war schon als Kind alles andere als ein typischer Junge. Es war hart, ständig zu hören, dass ich mich, nur aufgrund meines geborenen Geschlechts, nicht für gewisse Sachen und Kleidung interessieren darf. Wenn man das immer wieder eingetrichtert bekommt, von den eigenen Eltern, den Kindergärtnerinnen, den Lehrern, den Mitschülern, den Medien, dann beginnt man, sich für die eigenen Gefühle, Interessen und Neigungen zu schämen. Dieses Unverständnis wird dadurch verstärkt, dass Mädchen diese Limitationen nicht haben. Sie dürfen blau tragen, Hosen anziehen und Pirat spielen. Wenn aber ein Junge eine Prinzessin sein will, oder sich für Kleider begeistert, geht die Welt unter. Die fehlende Gleichberechtigung beginnt mit dieser Ungleichbehandlung, mit der alles weiblich Konnotiertes exklusiviert, glorifiziert, mystifiziert, aber eben auch abgewertet wird.


Inwiefern ist es eine Befreiung, so leben zu können - und inwiefern möglicherweise auch eine Last?


Nicht nur mein Geist, auch mein Körper hat sich immer gegen das Leben als Mann gewehrt. So wurden meine Östrogen-Rezeptoren nach der Pubertät nicht vom Testosteron zerstört. Mein Körper produziert sehr viel natürliches Östrogen, sodass eine weibliche Hüfte, Taille und ein Busen entstanden, ganz ohne Hormontherapie. Ich hab auch keine Haare auf der Brust, sehr wenig Bartwuchs, eine weibliche Körperbehaarung und

Fettverteilung.


Früher habe ich das durch gezieltes Krafttraining wegtrainiert. Heute genieße ich meinen Körper. Ich liebe meine langen Haare, schminke mich, wenn ich Lust habe und trage die Kleidung, die zu meiner Figur passt – ganz egal, ob diese in der Männer- oder Frauenabteilung zu finden ist. Ich trage keine Perücke, muss nichts ausstopfen, und verstelle meine Stimme nicht. Ich glaube, genau diese Authentizität ist es, die mich relativ frei leben lässt. Weiblichkeit ist nichts, für das man sich schämen muss.


Foto: Alexander Hölzl

"Ich war schon als

Kind alles andere

als ein typischer

Junge. Es war hart,

ständig zu hören,

dass ich, aufgrund

meines geborenen

Geschlechts, Dinge

nicht darf. "




Ich lebe meine Emotionen, höre auf meine Gefühle, ich weine, wann mir danach ist, aus Freude oder wenn es mir schlecht geht und lasse Angst zu. Es ist unbeschreiblich befreiend, nicht ständig stark sein zu müssen, nicht über alles die Kontrolle zu haben, kreativ und verrückt sein zu dürfen. So viele Männer schreiben mir jede Woche, dass sie mich für meine Freiheit beneiden, während sie ein heimliches Doppelleben führen und den Ausgleich in Fake-Identitäten im Internet, Fetische und Dominas suchen. Die auferlegten Rollenbilder schränken die Menschen ein und macht sie krank. Besonders die Männer, die noch viel stärker in ihrer Welt gefangen sind.


Paradox ist, dass gerade Frauen ein Problem mit nichtbinären Menschen haben, obwohl viele von ihnen unbewusst schon lange nichtbinär leben. Sie infiltrieren zunehmend männliche Bereiche, bestehen auf „Selbstbestimmung“, dominant oder submissiv zu sein, bedienen sich nach Lust und Laune am Kleiderschrank des anderen Geschlechts, tragen auch mal kurze Haare, kein MakeUp, Hosen und flache Schuhe, ohne deswegen als Crossdresser oder Transvestit beschimpft zu werden, aber verlangen vom Mann, dass er nach altertümlichen, uns von den christlichen Missionaren aufgezwungenen Stereotype lebt.


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Erfüllt man das nicht, gilt man als abartig, schwul bzw. tuntig und wird allerhöchstens als Kumpeltyp toleriert,

kommt aber als Sex- und Lebenspartner nicht infrage. MakeUp und Kleider sehen Frauen als ihr Exklusivrecht und sie zeigen keinerlei Verständnis, wenn sich Mann dafür interessiert. Seitdem ich in meiner Gender-Kampagne wöchentlich auf den Social Networks über mein nichtbinäres Leben berichte, mich schminke und femininer kleide, haben sich die meisten meiner Freunde von mir abgewandt.


Der Großteil meiner Familie denkt, ich habe ein psychisches Problem oder eine Midlifecrisis und auch einige regionale Kunden haben deswegen die Zusammenarbeit mit meiner Firma gekündigt. In meiner Heimatstadt, in der ich auch politisch aktiv war, wurde ich, statt sich meines KnowHows im Bereich Film Kultur und Marketing zu bedienen, stets kleingehalten und vor jeder Gemeinderatsitzung ermahnt, dass ich mich korrekt, also mit Anzug, zu kleiden habe, während Frauen sogar im sommerlichen Kleid kommen konnten. In der Wirtschaftskammer Branchenvertretung, in der ich zuletzt an der Spitze der Funktionäre saß, hat man mich bei den letzten Wahlen als Spitzenkandidatin wortlos übergangen.


Die Verweigerung binärer Geschlechterrollen macht manche Leute richtig aggressiv. Ich „genderverwirrter Idiot“ soll doch besser „die Fresse halten“, aus meiner Heimat verschwinden, sonst würde man mich beruflich zerstören. Freaks wie mich sollte man vergasen. Sogar einige Morddrohungen habe ich in den letzten Jahren erhalten. Ich wäre eine Schande für meine Eltern und würde meinen Kindern durch meine Lebensweise schaden. Auch, wenn es nur Einzelfälle sind, so ist die Liste der Angriffe, Übergriffe und Diskriminierungen mittlerweile lang. Meine Expertise wird seither öfters hinterfragt und mein Wissen angezweifelt. Frauen kennen das ja aus unserer patriarchischen Berufswelt und Gesellschaft.



Gesellschaftlich-politische Dinge, Hürden etc.

Ich bin kein Transvestit, kein Crossdresser, bin weder transsexuell, noch intersexuell und nicht in Transition. Immer wieder versucht man mich zu kategorisieren – nicht nur transphobe Menschen, sondern auch die LGBT+ Community. Trans-Frauen haben ein großes Problem mit mir.


Ich würde mit meiner Lebens- und Sichtweise ein schlechtes Licht auf sie werfen. In ihrem Wettbewerb um die größtmögliche Weiblichkeit und bei all dem, was sie an Operationen über sich ergehen lassen mussten, aber trotzdem an ihrem Traum, als „echte“ Frau wahrgenommen und behandelt zu werden, scheitern, ist es schwierig, jemanden wie mich zu akzeptieren. Sie kritisieren jedes Foto, das ich poste, stellen falsche Behauptungen auf, dass mein Gesicht oder mein Busen operiert sei, zerpflücken meine Texte und rufen schon mal bei Redaktionen an, um zu verhindern, dass meine Story publiziert wird.


Transsexualität wurde von der WHO mittlerweile als psychische Erkrankung bzw. Identitätsstörung entfernt, aber dennoch benötigt man in Österreich eine psychologische sowie psychiatrische Diagnose und mehrjährige psychotherapeutische Betreuung, um das Geschlecht sowie den Namen ändern zu lassen, Hormone verschrieben zu bekommen bzw. geschlechtsangleichende, operative Eingriffe vornehmen zu lassen. Als nichtbinärer Mensch blieb mir das erspart, aber bei den meisten der mittlerweile über 10 Millionen nichtbinär lebenden Erdbewohner in Europa ist es bürokratisch nach wie vor ein Chaos voller Hürden und Widersprüche, die es zu überwinden gilt. Politisch gesehen war die Türkis-Blaue Koalition gefährlich, da sie die Rechte für LGBT+ Menschen einschränken wollte und ihre Existenzen infrage stellte. Wohin das führen hätte können, sie man derzeit in Ungarn. Dort kann man Transgender, Schwule und Lesben sogar die medizinische Behandlung, Versicherung und Job verweigern, was Angriffe und Diskriminierungen legitimiert. Es ist schrecklich, wie hasserfüllt die Gesellschaft geworden ist. Und dass, obwohl mittlerweile in der Biologie, Medizin und Wissenschaft belegt wurde, dass Geschlecht ein Spektrum ist – viel zu komplex, um es nur in XX- sowie XY-Chromosomen bzw. in Mann und Frau zu unterteilen.


Der Übergang ist fließend.


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